Die Puppenstadt Waltershausen
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Die Anfänge der Waltershäuser
Puppen- und Spielzeugherstellung
  Das Ab und Auf nach der Blütezeit
Um 1800 war Waltershausen noch eine Stadt von Bierbrauern, Ackerbürgern und Viehzüchtern, Leine- und Wollwebern, Töpfern und vielen anderen Gewerbetreibenden. An der Spitze des Handwerks standen die Leineweber. Erst die von Napoleon verhängte Kontinentalsperre und die Kriegswirren machten den Handel nahezu unmöglich. Auch danach erholte sich das Weberhandwerk kaum. Die starke englische Konkurrenz und ein neuer Zolltarif führten zur Schwächung der Textilfertigung.   Schon zur Zeit der Inflation und der Weltwirtschaftskrise begannen für viele Waltershäuser Fabriken schwere, zum Teil vernichtende Jahre. Während 1930 noch etwa 30 Spielzeug- und Puppen-fabriken existierten, schlossen in den folgenden Jahren viele Unternehmen. Verschiedene Neugründungen hatten keinen Bestand. Sogar die traditions-reiche Firma Johann Daniel Kestner junior mußte 1936 Konkurs anmelden. Die große Zeit der Waltershäuser Puppen war vorbei.
     
  Auch Kämmer & Reinhardt mussten etliche Krisenjahre durchstehen. 1933 kamen die gesunden deutschen Mädel aus "Stabiloid" auf den Markt, kräftig und blond.
 Als ein wichtiger Lieferant von Kämmer und Reinhardt, das Rheinische Gummi- und Zelluloidwerk (Schildkröt) ausfiel, errichteten Kämmer & Reinhardt, aber auch König und Wernicke, eigene Zelluloidfabriken.
     
Der Sohn des Gastwirtes und Metzger-meisters Bernhard Heinrich Kestner, Johann Daniel, suchte nach dem Kon-kurs des väterlichen Geschäftes neue Erwerbsquellen. Um 1815 begann er mit einem Handel preiswerter Waren, wie Zwirnsknöpfchen, Schreib- und Rechentafeln, Puppenköpfen aus Papiermaché u.a. Der Verlag und Handel dieser Waren führte alsbald auch zu einer eigenen Fabrikation. 1818 wird erstmals ein "HolzMaschinenwerk" aufgeführt (wohl zum Drechseln von Holzpuppen). Wenn auch das Papiermaché in der Waltershäuser Spielwaren- und Puppenherstellung vor allem anfänglich der wohl wichtigste Grundstoff war, spielte auch Holz von Anfang an eine bedeutende Rolle.
1820 hatte der investitionsfreudige Kestner schon Maschinen und Formen im Wert von 100 Talern und 1824 eine eigene Papiermühle (350 Taler) und Formen zum Ausdrücken des Papier-machés (200 Taler). Mit der Gewerbe-statistik des Jahres 1846 ist auch ein erster Beleg über die Beschäftigten-zahlen gegeben:
477 Männer,
364 Frauen und
423 Kinder.
  Die Zelluloidproduktion von Bruno Schmidt gab es schon vor dem ersten Weltkrieg.
Nach 1945 existierten noch die Firmen Otto Gans, Adolf Hülß, König und Wernicke, Seyfarth & Reinhardt, Bruno Schmidt, Kämmer & Reinhardt, Hugo Wiegand und Gustav Thiele. Bis zur Gründung der DDR, also in der damals sowjetisch besetzten Zone, kam es immerhin zu einigen Neugründungen, so daß es 1949 etwa 20 Unternehmen gab. Die größte Fabrik war bis zu ihrem Anschluß an den VEB ( Volkseigener Betrieb ) Puppenfabrik noch immer Kämmer & Reinhardt. Sie beschäftigten in den fünfziger Jahren etwa 40 Männer und 40 Frauen. Nach der Verstaatlichung von Kämmer & Reinhardt gewann zunehmend die Fließbandproduktion an Bedeutung. Die Puppen wurden nun aus PVC (Polyvinylchlorid) hergestellt. Trotz der Massenherstellung war man bemüht, ein möglichst großes Sortiment anzubieten.
Nach dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft mussten auch die hiesigen Puppenwerke ( VEB biggi ) zwei große Entlassungswellen über
sich ergehen lassen. Außerdem wurden die authentischen Musterzimmer der 1980er Jahre, welche sich auf Schloss Tenneberg befanden, Anfang der 1990er Jahre abgewickelt.
     
August Trinius schrieb vor fast 100 Jahren in seinem Gedenkblatt über Waltershausen: "Im nächsten Jahr, 1816, begründete Johann Daniel Kestner die erste Puppen- und Spielwarenfabrik hier. Jahre hindurch war er mit dem Reffen auf dem Rücken durch die Lande gegangen, Schiefertafeln, Hemdenknöpfe und andere nützliche Dinge feil bietend, bis sein unruhig schaffender Geist sich kühn entschloss, seiner Stadt einen neuen Erwerbszweig zu begründen. Er senkte damit einen jungen Baum in das Erdreich, der heute weit über die Stadt hinaus seine schützenden Schatten breitet, der Tausenden Brot und Gewinn brachte, der selbst in den Volkskreisen, indem er alle Hände heranzog, einen gewissen Wohlstand erzeugte. Außer dem Stammhause des Puppenkestners sind inzwischen zahlreiche andere Fabriken gegründet worden."  
 

Knapp zwanzig Mitarbeiter hatte das neue Unternehmen Anfang 1994 zum Zeitpunkt der Privatisierung. Mit der Herstellung von Kugelgelenkpuppen als Replikate versuchten die Waltershäuser Puppenmacher mit Erfol an alte Traditionen anzuknüpfen. Puppen, wie sie vor achtzig Jahren bei Kämmer & Reinhardt schon einmal produziert wurden, wurden nun wieder in denselben Räumen von ehemals K & R gefertigt.

 
     
Die Zeit der Neugründungen von Unternehmen …

...begann 1851. Die zweite Puppen- und Spielwarenfabrik wurde in diesem Jahre durch Gottlob Schafft gegründet und befand sich in der am Fuße des Tennebergs gelegenen Kemenate. In den siebziger Jahren wurde sie durch Wislizenus übernommen.
 

Inzwischen war die Waltershäuser Puppenmanufaktur in die ehemalige
Villa des Puppenfabrikanten Adolf Kestner (Enkel von J. D. Kestner jun.) umgezogen. Sogar  ein Büro in der Fifth Avenue in New York gab es wieder, so wie vor dem 2.Weltkrieg.

 
     
Weitere Neugründungen von
Spielzeug- und Puppenfabriken:
- Heinrich Schuchardt 1853
- Titus Schindel. später
- Wiesenthal, Schindel
und Kallenberg 1858
- Carl Vey & Co. 1862
- W. Schneegaß 1863
- Heinrich Handwerck 1885
- Kämmer & Reinhardt 1885
- C. M. Bergmann 1888
- H. Landshut, später
- Isidor Eisenstädt um 1890
  Seit 2005 werden in Waltershausen leider keine Puppen mehr gewerblich hergestellt. Die alte Puppentraditon fand ihr Ende. Lediglich das Museum der Stadt Waltershausen bewahrt mit seinen Ausstellungen die Erinnerung an eine vergangene Zeit der Puppenstadt.

 

 

 

     
Gründungen um 1900
- Richard Beck & Co.
- Rudolf Eckold
- Otto Gans
- Max Handwerk
- Carl Kraußer
- Max Polack
- Christian Nelke
- Bruno Schmidt u.a.
 
     
  Zeittafel

1815 erstmals nachweislich bietet Johann Daniel Kestner junior am 6.12. Puppenköpfe und Puppenbälge an
1822 Kestner erhält das Privileg zu Herstellung von Papiermaché
aus Heu, Disteln, Stroh und Baumrinde (nicht aus Papier und Lumpen)

1840 Kestner nimmt an der Leipziger Messe teil

1846 im Kestnerschen Unternehmen arbeiten insgesamt 1264 Menschen

1851 eine zweite Puppenfabrik wird durch Gottlob Schafft in
Waltershausen gegründet
     
Viele Patente und Neuerungen fallen in diese Zeit. Genannt seien hier nur einige; so die Waltershäuser Kugelgelenkpuppe, um 1880; die erste Grammophonpuppe der Welt, 1890; verschiedene Laufkörper für Puppen und bewegliche Körper für Schwimmkinder oder auch das 1906 von Otto Gans erfundene Schelmenauge (Flirting eyes). Lediglich die bis dahin seltenen Modelle mit individualistischen, lebensnahen Puppen konnten sich zunächst nicht durchsetzen. Erst die pädagogischen Reformbemühungen des frühen 20.Jh's. verhalfen den aus der Künstler-puppenbewegung hervorgegangen Charakterpuppen zu einem Durchbruch. Waltershausen war längst zu einem bedeutenden Zentrum der Puppenindustrie geworden aus dem die anspruchsvollsten Puppen der Welt kamen: “
Nicht nur die kleinen und auch die großen Kinder des alten Kulturlandes Europa begeistern sich für diese reizvollen, lieblichen Erzeugnisse des Thüringer Waldes.
Der Inder und Indianer, Kameruner und Australneger, wohin wir uns auch wen-den: die Thüringer Puppe ist überall heimisch geworden und hat, spottend aller Schlagbäume, Grenzsteine poli-tischer Händel, sich die Welt erobert." heißt es in "Der Bazar" vom 5.11.1894 in einem Artikel von August Trinius. Weiter schreibt er hier: "Hinsichtlich der Quantität marschiert Sonneberg voran, an Eleganz, Güte und Technik ist ihm indes Waltershausen jetzt wohl über, vor allem in der Erfindung immer höherer Vervollkommnung." Inzwischen war Waltershausen zu der Puppenstadt geworden. Bei all diesem gebührenden Respekt darf nicht vergessen werden, dass nicht nur die Puppen, sondern auch das Spielzeug, Plüschspielwaren und die Waltershäuser Kleinplastiken und Figuren eine große Rolle spielten.
  1853 Heinrich Schuchardt folgt mit einer weiteren Waltershäuser Fabrik

1858 Kestner stirbt am 11.12.

ab 1862 Gründung etlicher Puppen- und Spielzeugfabriken in Waltershausen und Umgebung

1885 Heinrich Handwerck gründet sein Unternehmen

1886 Eintragung der Firma Kämmer & Reinhardt in das Handelsregister

1902 Fusion von Kämmer & Reinhardt mit der Firma Handwerck nach dessen Tod - (ca. 20 Puppen- und Spielzeugfabriken in
Waltershausen)

1909 "Das Baby" von K & R, die erste Charakterpuppe, kommt auf
den Markt

1921 Streik der Augeneinsetzer

1923 -1929 durch Inflation und Weltwirtschaftskrise etliche
Firmenschließungen

Ende 1944 fast vollständiger Zusammenbruch der Puppenindustrie

1945- 1949 neben 8 privaten
Unternehmen werden 11 neue gegründet

1946 Firma Otto Gans unter Sequester
     
  1948 Gründung des VEB Puppenfabrik

1958 am 1.1. wird Kämmer & Reinhardt verstaatlicht

1962 Beginn der Fließbandproduktion

1972- 1981 "biggi" ist nach Verstaatlichung der letzten privaten Unternehmen
die Bezeichnung für Puppenfabriken von Waltershausen und
Umgebung
    1990 nach dem Zusammenbruch des VEB "biggi" gibt es keine industrielle Fertigung von Spielpuppen mehr ab 1990 Als einziges Unternehmen der Puppenbranche mit mehr als einem Beschäftigten arbeitet die Waltershäuser Puppenmanufaktur einzelne Puppenmacherinnen stellen eigene Kollektionen her zuweilen arbeiten Frauen im Auftrag.
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